Sîmîn Dânishwar -- Opus und Rezeption. Einblicke in die Verzahnungen des persischen literaturkritischen Räderwerks
Mit der persischen Literaturkritik stehe es nicht zu besten, so lässt sich vernehmen - und zwar aus verschiedenen Richtungen. Z.B. aus der nordamerikanischen Diaspora, von wo u.a. in den 1990ern mehrere Impulse zur Standortbestimmung und Belebung des Kritikbetriebes ausgesandt wurden. Andererseits gibt es diverse inneriranische Stimmen, die z.B. die von ihnen als gegeben gesehene Schwäche der persischen Gegenwartsliteratur mit dem Versagen der kritischen Institutionen begründen.
Persische Literaturkritik gewinnt als Untersuchungsgegenstand zunehmend an Interesse. In Studien zu einzelnen Exponentinnen und Exponenten der Disziplin sowie seit jüngster Zeit auch überblicksmässig finden wir die Zeit von den Anfängen der neueren Literaturkritik (Mitte 19. Jh.) bis etwa Mitte 20. Jahrhundert dargestellt. Es stellt sich für diesen Zeitraum denn auch v.a. in Bezug auf die wichtigen Personen eine erkennbare Kanonisierung ein. Ab Mitte 20. Jh. ist forschungsmässig noch vieles vage, das Feld bis auf ein paar kühne Furchenziehungen unbeackert.
Das Dissertationsprojekt versteht sich als Fallstudie im Untersuchungsrahmen Literaturkritik. Es greift einleitend zwei der oben angedeuteten "Furchenziehungen", zwei divergierende Übersichtsdarstellungen der jungen bis jüngsten Literaturkritikgeschichte auf, um diese dann zum Schluss anhand der eigenen Untersuchungsresultate zu reflektieren und diskutieren. Der konkrete Untersuchungsgegenstand ist die kritische Rezeption der Werke der persischen Prosaautorin Sīmīn Dānishwar. Ihre Veröffentlichungen fallen in jene vagen Jahrzehnte literaturkritikgeschichtlicher Darstellung: Ihre erste Kurzgeschichtensammlung wurde 1948 veröffentlicht, der dritte Teil ihres jüngstens Romans wird vom Lesepublikum derzeit sehnlichst erwartet. Die kritische Rezeption, die ihre Veröffentlichungen begleitet oder auch nicht-begleitet, ist ein Unterkapitelchen der Literaturkritik und ermöglicht die Frage danach, wie sich dieses Partikularium in den von den beiden Richtungen postulierten Gesamtrahmen eingliedert. Eine solche Fallstudie ist perspektivisch den beiden Übersichtsdarstellungen diametral entgegengesetzt. Durch Übereinanderlegen resp. Kontrastieren der Darstellungen, durch Interpretation von Konvergenzen und Divergenzen hofft das Dissertationsprojekt seinen Beitrag zur Bestellung des Literaturkritikfeldes zu leisten und zum Lamento über die Befindlichkeit der persischen Literaturkritik aus der Blickrichtung vom Partikularen zum Allgemeinen Stellung zu beziehen.
Madeleine Vögeli
04.2002 - 04.2006
Status:laufend
Institut für Islamwissenschaft u. Neuere Oriental. Philologie
Sprach- und Literaturwissenschaften, Vorderorientalische Sprache und Literatur
Persische Literatur, Literaturkritik, Sîmîn Dânishwar
letzte Änderung: 16.12.2005