Kleinbäuerlicher Widerstand gegen den Strukturwandel im Emmental
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist in den letzten Jahren wesentlich langsamer verlaufen als erwartet. Statt wie vom Bundesamt für Wald und Landschaft (BWL) berechnet um jährlich 2 bis 2.5% nahm die Zahl der Bauernbetriebe lediglich um 1.4 % ab. (NZZ, 9.6. 2009) Das BWL strebt einen "sozial verträglichen" Strukturwandel an, der es Bauern erlauben soll, den Betrieb unter Verzicht auf grössere Kapitalinvestitionen bis zum Erreichen des Pensionsalters zu bewirtschaften. Für die nachfolgende Generation soll das Bewirtschaften wenig rentabler, unterkapitalisierter kleiner und mittlerer Betriebe aber so unattraktiv gemacht werden, dass sie den elterlichen Betrieb tendenziell eher nicht weiterführt. Bei 2.5% jährlichen Betriebsaufgaben wäre ein sozial verträglicher Strukturwandel immer noch sichergestellt. Innerhalb einer Generation (25 Jahre) würde so gut die Hälfte der Bauernbetriebe aufgegeben. Die Zahlen des BWL weisen nun darauf hin, dass in diesem Zeitraum tatsächlich nur ein gutes Drittel der Betriebe aufgegeben wird. Das bedeutet, dass in Anbetracht der gestiegenen Produktivität und der sinkenden Preise für landwirtschaftliche Güter das Einkommen der ?zu zahlreichen? bäuerlichen Betriebe im Durchschnitt sinkt, und zwar im Fall der wenig rentablen Betriebe unter ein existenzsicherndes Niveau.
Die Gründe für diesen "schleppenden Strukturwandel" (NZZ) vermutet das BWL in der nach wie vor substanziellen staatlichen Stützung der Landwirtschaft. Diese Erklärung ist jedoch angesichts der seit Jahren auf den Strukturwandel hinwirkenden Modalitäten der staatlichen Stützungszahlungen nicht hinreichend. Das in der Bauernschaft konstatierte ökonomisch scheinbar irrationale Verhalten verlangt nach einer differenzierteren Erklärung, die den Bauernbetrieb nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus sozialer und kultureller Perspektive analysiert.
In diesem Projekt sollen deshalb die Motivationen und Strategien junger Bauern und Bäuerinnen auf jenen "kritischen" Betrieben dokumentiert werden, die allein aus betriebswirtschaftlicher Sicht den elterlichen Betrieb eher nicht hätten übernehmen sollen.
Fragestellung
Welche Motive geben trotz prekärer ökonomischer Situation den Ausschlag, den elterlichen Betrieb (bzw. den Betrieb des Verpächters, des Verwandten etc.) zu übernehmen? Mit welchen Strategien sichern sich "kritische" Betriebe den Lebensunterhalt?
Prof. Dr. Heinzpeter Znoj (PL), M.A. Gabriela Rauber
10.2010 - 09.2011
Status:geplant
Institut für Sozialanthropologie
Institut für Religionswissenschaft
Historische und Kulturwissenschaften, Ethnologie und Volkskunde
letzte Änderung: 14.09.2010