Forschungsdatenbank

Projektübersicht
Login
Suche

Gutscher

Fakultäten » Philosophische Fakultät » Psychologisches Institut » Sozialpsychologie » Prof. Dr. Heinz Gutscher » Gutscher

Completed research project

Title / Titel Biotechnology and society
PDF Abstract (PDF, 14 KB)
Original title / Originaltitel Biotechnologie in gesellschaftlicher Deutung - Intuitionen, Emotionen, soziales Vertrauen und Wertvorstellungen
im gesellschaftlichen Diskurs zur Biotechnologie
Summary / Zusammenfassung „Aufklärungsdiskurse“, konzipiert nach dem Muster „Fachleute informieren – Laien fragen nach“, führten weder zu einer erkennbaren Verbesserung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in der breiteren Bevölkerung, noch zur Veränderung von Akzeptanzmustern. Wissenschaftliche Meinungen konnten Nicht-Wissenschaftler nicht überzeugen, weil mutmaßlich ein Defizit an sozialem Vertrauen die Verarbeitung von wissenschaftlichen Darstellungen blockierte. Es bedarf einer neuen Diskursform, die diesen Umstand reflektiert und methodisch berücksichtigt.

Die Frage nach dem Einfluss von Deutungen wissenschaftlicher Fakten und von Vertrauen in Expertenmeinungen in Diskursen zu neuen Technologien hat in den letzten Jahren Eingang in wissenschaftliche Auseinandersetzungen gefunden, wobei die Verwirrung der Öffentlichkeit - angesichts der Bewertung neuer Technologien – am Beginn vieler Analysen steht (vgl. MUNNICHS 2004; GIDDENS 1998). Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Gutachter und Gegengutachter hat abgenommen. Die Frage wurde zum Forschungsthema, wie denn gesellschaftlich mit diesem Autoritätsverlust der Wissenschaft umzugehen ist und wie Orientierungshilfen geboten werden können.
Obwohl das Konzept „Mehr Information führt auch zu mehr Vertrauen in neue Technologien“ immer wieder auftaucht (vgl. IAPP 2004; FARN 2004), scheint es doch überholt zu sein: „Public ignorance is not the cause of mistrust and scepticism, this has been proved by Eurobarometer surveys. The cause is what has [been] seen as a denial [of scientific ignorance] by scientists. ... The novel nature of nanotechnology means that there are many knowledge gaps, and the 'well-meaning but mistaken behaviour of institutions involved in nanotechnology' leads to doubts.” (WYNNE 2004 zum künftig vielleicht ebenso umstrittenen Feld der Nanotechnologie).

Verschiedene Strategien wurden vorgeschlagen, um Vertrauen wieder möglich zu machen. So wird geraten, Experten mögen sich auf ihre rein wissenschaftlich-rationale Rolle beschränken, was zu verbesserten, vorurteilsfreien Expertendiskursen führen würde, um so das verlorene Vertrauen in Experten durch verbesserte Diskurse wiederzugewinnen (VAN DOMMELEN 1999). Die differierenden Überzeugungen in Expertendiskursen zu neuen Technologien sollten sich als komplementäre Standpunkte gegenseitig erhellen. Hier ist jedoch die problematische Annahme vorausgesetzt, dass Experten neuer Technologien diese wertneutrale Rolle übernehmen können. Doch schon bei der Frage, wonach geforscht werden sollte, interferieren Wertmuster, die normative Elemente enthalten (vgl. MUNNICHS 2004; vgl. NELKIN 1987; BECK 1992). Wissenschaftler wie Nicht-Wissenschaftler sind in ihren Sichtweisen der Forschungsgegenstände bzw. der wissenschaftlichen Daten durch Wertkonzepte, Intuitionen, Emotionen usw. beeinflusst – Faktoren, die zusammen genommen als „normatives Orientierungswissen“ beschrieben werden (vgl. NIDA-RÜMELIN 2002).

Diese Feststellung muss nicht gleichzeitig die kognitive Basis wissenschaftlicher Erkenntnis in Frage stellen (vgl. ZWANENBERG / MILLSTONE 2000). Es bleibt weiterhin notwendig, divergierendes Expertenwissen wechselseitig auf Stichhaltigkeit zu befragen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass eine Kluft zwischen wissenschaftlicher Risikobewertung und öffentlicher Risikowahrnehmung bestehen bleibt (CVETKOVICH / LÖFSTEDT 1999), in der Vertrauen eine entscheidende Rolle spielt (SIEGRIST 2000; POORTINGA / PIDGEON 2003; SCHWEER / THIES 2003). Vertrauen leitet uns bei der Wahl der Fachleute, denen wir Glauben schenken. Weil eine Überprüfung der Fachleute für den Laien nicht möglich ist, wird die Einstellung zu neuen Technologien zu einer Vertrauens- oder gar zu einer Glaubensfrage. Den Wertvorstellungen kommt dadurch zwangsläufig eine wichtige Funktion zu (vgl. EARLE / CVETKOVICH 1995; SIEGRIST, CVETKOVICH / ROTH 2000; SIEGRIST 1999 und 2000).
Es konnte gezeigt werden, dass sich das Vorhandensein von Vertrauen in Experten negativ auf wahrgenommene Risiken und positiv auf wahrgenommenen Nutzen auswirkt. Damit es zu einem solchen Vertrauen kommt, ist es wesentlich, dass an gemeinsame Wertüberzeugungen angeknüpft wird (SIEGRIST / EARLE / GUTSCHER 2003). Zwischen Experten und „Laien“ besteht in dieser Hinsicht eine prinzipielle Gleichheit: Keine Partei kann hier die jeweils eigenen Geltungsansprüche als für die andere Partei verbindlich erklären. Vorgängige Wertüberzeugungen müssen aber, wenn sie diskursrelevant werden sollen, inhaltlich geklärt und strukturiert kommuniziert werden.

Identifikation einer Forschungslücke und methodische Überlegungen zu ihrer Schließung
Trotz der Einsicht, dass sich niemand der Geltung und Wirksamkeit normativen Orientierungswissens entziehen kann und dieses Wissen die öffentlichen Diskussionen zu neuen Technologien wesentlich bestimmt, wird es in der aktuellen Forschungsliteratur nicht als diskursprägender bzw. entscheidender Faktor behandelt oder wissenschaftlich reflektiert.

Mit dem vorliegenden Projekt soll dazu beigetragen werden, diese Forschungslücke anknüpfend an den am TTN vertretenen personzentrierten Ansatz (vgl. BUSCH et. al. 2002) zu schließen und auf der Basis vertiefter Erkenntnisse der kommunikativen, sozialen und ethischen Wirkungszusammenhänge ein deutlich verbessertes Diskursmodell zu entwickeln, das für die Kommunikation von Wissenschaft und Wirtschaft notwendig ist.

Anknüpfend an E. Husserl – „Geist ist nicht ein abstraktes Ich der stellungnehmenden Akte, sondern die volle Persönlichkeit, Ich-Mensch, der ich Stellung nehme, der ich denke, werte, handle, Werke vollbringe. Zu mir gehört dann mit ein Untergrund von Erlebnissen und ein Untergrund von Natur. ... Diese Natur ... reicht aber auch in die Sphäre der Stellungnahmen hinein. ... Aber auch Stellungnahmen selbst stehen unter induktiven Regeln: es erwachsen mit jeder Stellungnahme ‚Tendenzen’ zu gleichen Stellungnahmen unter ähnlichen Umständen usw." (HUSSERL 1952) – kann davon ausgegangen werden, dass die Thematisierung und Klärung von vortheoretischen, normativen Orientierungen wesentlich dazu beitragen können, diskurs-hemmende bzw. -fördernde Mechanismen zu erkennen. Die Struktur der Genese wertender Urteile ist – aus ethischer Perspektive – hierbei erhellend: Wir unterscheiden Leitmotive (als individuell konkrete Gestalten vortheoretischer Orientierungen), die auf die moralische Urteilsbildung wirken, und moralische Urteile (als Ausgangspunkte einer Analyse), die sich auf ihren Ursprung hin (Leitmotive) befragen lassen. Ihre Genese kann erklärt werden. Leitmotive wiederum lassen sich thematisch kategorial ordnen. Mit Hilfe thematischer Kategorien (z.B. Naturverständnis, Risiko, Technik, Gesundheit, Wirtschaft, Nahrung) werden die Leitmotive der Reflexion hinsichtlich ihrer Kohärenz mit anderen Leitmotiven zugänglich. Es kann systematisch untersucht werden, in welchem Verhältnis die moralischen Urteile der am Diskurs Teilnehmenden zu deren Leitmotiven (auch) in anderen Themenbereichen stehen.

Das Bewusst-Machen eigener Leitmotive ist notwendige Voraussetzung für Prozesse der Perspektivenübernahme, wie sie z. B. im Rollenspiel eingeübt werden (vgl. HÖFFE 2004). Mit Hilfe der Kategorien wird erfasst, in welchen Feldern relevante Vorentscheidungen für die Einstellung gegenüber neuen Technologien fallen. Für den Antragsteller ist diese Gliederung ein Instrument, verschiedene ethische Reflexionsebenen zu differenzieren, die Differenzierung in den Diskursprozess einzubringen und dadurch das Reflexionsniveau der Teilnehmenden zu erhöhen. Diesen wird deutlich, in welcher Weise zunächst implizite Leitmotive auf ihre persönlichen und die Entscheidungen anderer einwirken.
Unverzichtbar ist für die Konzeption und Durchführung eines solchen Diskursprozesses eine transdisziplinäre Kooperation.
Project leadership and contacts /
Projektleitung und Kontakte
Prof. Dr. Heinz Gutscher (Project Leader) gutscher@sozpsy.uzh.ch
Funding source(s) /
Unterstützt durch
Others
Kooperation mit dem Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik (Fachbereich Evangelische Theologie der LMU München) und Institut TTN (Theologie, Technik, Naturwissenschaft, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF.
In collaboration with /
In Zusammenarbeit mit
Dr. Roger Busch, TTN, München Germany

Prof. Dr. Joachim Scholderer, Institut für Marketing, Informatik und Statistik, Universität Aarhus

Denmark

Duration of Project / Projektdauer Sep 2004 to Apr 2007